Insider mit Zivilcourage Whistleblower – Frühwarner im gesellschaftlichen Interesse
LVT Lebensmittelindustrie Nr. 6, September 2007:
„Stellen Sie sich vor, Sie sind langjähriger, engagierter Mitarbeiter
eines Unternehmens und wissen zum Beispiel, dass in Ihrer Abteilung am
Mindesthaltbarkeitsdatum für Tiefkühlfleisch manipuliert wurde. Oder
Sie werden in einer Verwaltung angewiesen, gefälschte Belege zu
verbuchen. Oder Sie haben Kenntnis, dass brisante Akten über
Umweltschäden vernichtet werden sollen.
Da aber alle anderen so tun,
als wäre alles in Ordnung, reden Sie sich anfangs vielleicht ein, dass
Sie sich geirrt haben oder schließen die Augen wie die Kollegen. ... Sie wollen das Betriebsklima nicht vergiften und ja auch keine Petze sein, kein Nestbeschmutzer. Aber Sie sind dennoch überzeugt, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, und der volkswirtschaftliche Schaden oder gar ein mögliches Gesundheitsrisiko von einem Außenstehenden kaum entdeckt werden würde. Sie fühlen sich allein mit Ihren Beobachtungen, vielleicht sogar schuldig, aber gleichzeitig aufgerufen, zu handeln.
Was machen Sie, wenn Sie erfolglos versucht haben, die Sache auf dem direkten Dienstweg zu klären?
Wir haben in Deutschland keinen positiven Begriff für Insider mit Zivilcourage, die heraustreten und sagen, was sie von üblen Machenschaften oder eklatanten Fehlern wissen, weil ihr Gewissen sie dazu drängt. Hier sind unsere Hemmschwellen größer als anderswo, sich gegen Kollegen oder Vorgesetzte zu stellen, denn in unseren Köpfen sitzen – nur allzu berechtigt – Stasispitzel- und Nazidenunzianten-Bilder.
In Amerika sind sie da schon weiter. Hier gibt es den Begriff des Whistleblowers, also des Pfeifenbläsers, der grobe Verstöße in seiner Organisation erkennt und darauf aufmerksam macht. ... Ausläufer davon schwappten nach Deutschland, denn auch deut-sche Unternehmen wie Siemens sind in den USA tätig und haben interne Kontrollin-stanzen eingerichtet.
Die Berliner Bezirksverwaltung Spandau hatte 2002 einen Skandal im Sozialamt. Es war aufgedeckt worden, dass Sozialleistungen im großen Stil verschoben wurden. Der Bezirk nahm dies zum Anlass, eine Vorreiterrolle einzunehmen und richtete die bun-desweite erste externe Ombudsstelle für Korruptionsfälle ein, auf die sich sowohl Beamte als auch Auftragsbewerber und Bürger unter Wahrung ihrer Anonymität wenden können. Rechtsanwalt Dr. Jürgen F. Kemper ist seit 5 Jahren für den Bezirk und inzwischen auch für die Wohnungsbaugesellschaft GESOBAU AG als Ombudsmann tätig.
Das System hat sich bewährt ....“
